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Darstellendes Spiel

Prosical - Ein selbstgeschriebenes Musical der WdG SchülerProsical - Ein selbstgeschriebenes Musical der WdG-SchülerMindestens dreimal steht ein Schüler des Walddörfer-Gymnasiums auf der Bühne: Bei seiner Einschulung, bei seiner Abiturfeier und zwischendurch als Akteur in einem Konzert oder Theaterstück. Ich habe einmal nachgezählt: Von den 93 Schülern der derzeitigen Stufe 13, die seit der 5. Klasse unsere Schule besuchen, verfügen 74 über einschlägige Bühnenerfahrung. Man darf ohne Übertreibung sagen: Auf der Bühne zu stehen, sich selbst vor Publikum darzustellen und zu erfahren, das stellt eine schulische Grunderfahrung des Walddörfer-Gymnasiums dar.

Blickt man zurück in der Geschichte der Schule, so ist diese Anbindung des schulischen Lebens an die Bühne als Tradition so alt wie die Schule selbst. Sie ist ihr ja geradezu architektonisch eingeprägt, indem die Aula im Osten das Bauwerk ist, auf welches der Flächenbau hinausgeht, wenn man der Hauptachse folgend vom Sportplatz durch das Forum längs über den Innenhof blickt.

Die Art und Weise das Theaterspiel zu pflegen hat sich dabei über die Jahrzehnte hin natürlich gewandelt. Wurden in den 30er, 40er und frühen 50er Jahren unter dem späteren Schulleiter Herrn Brühl und dem Kunsterzieher Herrn Jebsen große und schöne Spiele aufgeführt, so hat das Theatermachen von 1954 bis 1973 durch die Arbeit von Herrn Dr. Herbert Giffei erstmals eine Aufwertung zum Schulfach erfahren und über Hamburg hinaus Schultheatergeschichte geschrieben, orientiert an den besten Traditionen der Reformpädagogik. Giffeis Ansatz, von einer Spielidee ausgehend auf dem Wege der gemeinsamen Arbeit ein Stück zu entwickeln, ist noch heute inspirierend für Referendare in der Hamburger Schultheaterausbildung. Nach Giffei, in den 70er und 80er Jahren, wurde unter Jürgen Fischer, Heiner Jahnz und Gerd Wilhelm dann wieder mehr textorientiert gearbeitet. Sich abarbeiten am Stoff großer Literatur (oder auch kleinerer Komödien), das war das Ziel. Offiziell gab es damals eine Stufen übergreifende Theatergruppe, als AG oder Kurs geführt, etliche Bühnenprojekte fanden aber auch schon damals nebenher statt. Einen ganz eigenen Höhepunkt im Theaterschaffen stellte 1992 das selbstkomponierte Musical „Redleg" dar, bei dem über 100 Schüler in Orchestern, Chören und Theatergruppen unter der Leitung von Barbara und Christoph Schönherr, Gerd Wilhelm und Hans-Jürgen Voll sowie Klaus Goede ein ganzes Boot auf die Bühne zauberten und 6 Aufführungen nicht ausreichten, um dem Publikums-Andrang gerecht zu werden.

Mit dem Zugang von neuen Kollegen, die die Hamburger Zusatzausbildung „Darstellendes Spiel" gemacht hatten oder wie ich von der Theaterschule kamen, expandierte in den 90er Jahren das Theaterspiel. Gesine Mielitz, Beate Schüler und ich betreuten parallel eigene Gruppen, die Aula war jetzt rund um die Uhr ausgebucht und am Ende eines Schuljahres war es schwer, überhaupt noch einen freien Termin für eine Aufführung zu finden. Unser Motto lautete dabei: „Darstellendes statt Dastehendes Spiel!" Körperausdruck, Tanz und Improvisation rückten wieder mehr in den Vordergrund und mit den Eigenproduktionen „Nangjala" im Jahre 2002 und „Matrix" im Jahre 2004 nahm das WdG erfolgreich am Hamburger Festival „Theater macht Schule" teil. Eine schöne Blüte dabei am Rande: Mit Juliane Färber (jetzt Stufe 11) stand bei „Matrix" Herbert Giffeis Urenkelin auf der Bühne in einer Rolle, die sie - ganz im Sinne ihres Großvaters - selbst dramatisch erfunden hatte.

Für die gegenwärtige Phase des Theaterspiels am WdG ist zweierlei bezeichnend: Wir haben nicht weniger als fünf (!) regelmäßig arbeitende Theatergruppen, von diesen werden aber nur zwei von Lehrern geleitet! Theaterspiel ist heute stärker als je zuvor eine Sache der Schüler selbst geworden. Das liegt sicherlich auch daran, dass uns nach dem Weggang von Gesine Mielitz und dem (vorläufigen) Rückzug von Beate Schüler weniger Theaterpädagogen zur Verfügung stehen, dass wir in der Oberstufe „Darstellendes Spiel" nicht als benotetes Fach unterrichten, es liegt aber vor allem auch daran, dass unsere Schüler nach erfolgreichen Erfahrungen in angeleiteten Gruppen - oder auch ganz aus dem Stand - eigenständig Theater machen möchten. Auf radikale Weise ist das Theaterspielen am WdG dadurch heute schülerorientiert.

Diese Entwicklung war schon sehr langfristig - seit Giffeis Zeiten - vorbereitet durch die lange Tradition der WdG-Schüler, die Licht- und Tontechnik in der Aula ganz selbstständig zu betreuen. Das wurde umso bedeutsamer, als 1996 die Licht- und Tontechnik mit Elterngeldern auf einen modernen, den heutigen Stand gebracht wurden. Henning Heidmann (Abi 1998 und seitdem „Ehren-Aulatechniker des WdG"), Fabian Brunner (Abi 2002) und derzeit Malte Heidmann sind die heimlichen Herren der Aula. Sie lieben diesen Raum, hüten ihn wie ihren Augapfel, renovieren ihn in ihrer Freizeit, gründen in ihm Bands und träumen hier von immer besserer Technik. (Und es soll auch vorgekommen sein, dass sie hier sogar eine Sylvesternacht gefeiert haben, ohne dass der „Auladirektor" oder der Schulleiter davon etwas wussten.) Unter der Schlüsselgewalt unserer „Licht-Techniker" wird die Aula mit ihren zugezogenen Vorhängen zum aufregendsten Ort der Schule für Happenings, wird das Theaterspielen zum sozialen Ereignis. Dass dabei auch etwas herauskommt, haben unlängst 50 Schüler der Stufen 6-13 gezeigt, die im April 2005 in völliger Eigenregie ein Musical selbst geschrieben, komponiert und zur Aufführung gebracht haben: Figlioli Corsi - Kinder Korsikas. Ich hatte die Ehre dabei als einziger Lehrer mitspielen zu dürfen, in der Rolle des Giocanto, eines Musiklehrers, der den Jugendlichen seines korsischen Dorfes den Horizont weitet und sie zum Aufstand gegen Engstirnigkeit und Selbstgerechtigkeit der Erwachsenen ermuntert. Mein Auftritt beschränkte sich auf drei kurze Rückblenden und gleich zu Beginn wurde ich ermordet. Ist das bezeichnend für die Rolle, die wir Theater-Lehrer in der Zukunft spielen werden? Mentores spiritu, die rechtzeitig das Feld den Jugendlichen selbst überlassen?

Diese radikale Variante eines schülerorientierten Theaters verfolge ich zugegebenermaßen mit einem lachenden - und einem weinenden Auge. Ich finde großartig, wie unsere Schüler das Theaterspiel zu ihrer eigenen Sache machen, wie sie die Herausforderung eines solch komplexen Projektes für sich annehmen und daran wachsen, ja, all das tun und lernen, was wir Lehrer uns nur wünschen können, Probleme verschiedenster Art auf dem Wege zu einer Aufführung lösen und am Ende mit einem Erfolg für ihre Mühen belohnt werden. Kann es eine allseitigere Emporbildung der Kräfte eines Menschen geben, als Musik selbst zu komponieren, Texte selbst zu schreiben, Kulissen selbst zu bauen, Probenpläne selbst aufzustellen, am Ausdruck gemeinschaftlich zu feilen? Und die Ergebnisse können sich sehen lassen: Der „Faust" der selbstständigen Schülertheatergruppe „FLEW" wurde 2002 spontan ins Keller-Theater am Johannes-Brahms-Platz eingeladen, „Harry Potter" der damaligen Klasse 8c (heute Stufe 11) überzeugte 2003 und das erwähnte Musical „Figlioli Corsi" (federführend Schüler der damaligen Stufe 12) hat im April 2005 für Begeisterung gesorgt. Und doch bleibt bei mir ein Wehmutstropfen, wenn die Schüler ihre Erfolge feiern. Denn das, was für mich die Theaterarbeit in der Schule pädagogisch so wertvoll macht, die Pflege der Bilderwelten, dass Gesten und Haltungen auf eine tiefere Sinnhaftigkeit hin transparent werden, dass Ewiges im Alltäglichen durchscheint, das bleibt in der Eigenregie der Schüler eben doch etwas unbehelligt. Der weise Blick für die tiefe Symbolik von Bildern, der Ewigkeitswert, geht der nicht verloren, wenn wir Lehrer den Schülern ganz das Feld überlassen? Oder spricht daraus nur meine Angst vor Kontrollverlust und das beleidigte Herz eines Narziss?

„Lass den Kindern ihr Geheimnis!" hat Maria Montessori einmal gesagt. Sie selbst entdecken zu lassen, sie aber auch entdecken zu lassen, - das wäre mein Wunsch für das Theaterspiel der Zukunft am Walddörfer-Gymnasium.

Frank Mehnert