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Philosophie

Als ich vor mehr als fünfzig Jahren Schüler des WdG - damals noch Walddörferschule - war, gab es das Fach Philosophie nicht. Und wenn etwas „Philosophisches" zu behandeln war, dann kam es im Deutsch- und Geschichtsunterricht vor. So habe ich damals etwas von Kants „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit" erfahren, Worte, mit denen der bis heute aktuelle Königsberger Philosoph die selbst gestellte Frage „Was ist die Aufklärung?" beantwortet. Die marxistische Philosophie des „Materialismus" in Gegenposition zu Hegels „Idealismus" mit seiner Dialektik aus These, Antithese und Synthese begegnete mir damals zum ersten Mal.

Zwei Jahrzehnte nach meinem Abitur hier am WdG hat mit der heutigen Gestalt der Oberstufe seit etwa 1970 die Philosophie ihren Einzug in das Unterrichtsangebot gehalten. Sie wird als Alternative zu Religion angeboten und ist auch im Abitur nach entsprechender Entscheidung der Abiturienten Prüfungsfach.

Was Katharina Stintmann in dieser Jubiläumsschrift in ihrem Beitrag über den Religionsunterricht schreibt - Menschen, die fertige Antworten auf alles parat haben und alles wissen, seien mit Vorsicht zu genießen - gilt im Kern und besonders auch für die Philosophie. Wenn wir ihre griechischen Ursprünge aufsuchen, wissen wir uns bis heute dem „Erkenne dich selbst" und „Ich weiß, dass ich nichts weiß" des griechischen Philosophen Sokrates verpflichtet.

Der Zufall fügte es, dass ich als Philosophielehrer im letzten Schuljahr in einem Raum arbeitete, der dem des Religionsunterrichts meines Kollegen und Freundes Frank Mehnert benachbart war. Mit ein wenig „Neid" erlebte ich mit, dass er in seinem Fach auch die „sinnliche" Ebene des Menschen ansprechen kann, Sehen, Hören und Schmecken: er simuliert mit seinem Kurs religiöse Feste, etwa ein Pessachmal der Juden, und er musiziert und singt mit den Schülerinnen und Schülern. Dazu passen auch die Besuche in religiösen Institutionen, von denen Katharina Stintmann schreibt.

Philosophie lebt im Unterschied dazu ganz oder hauptsächlich durch das Medium des Denkens und Argumentierens. (Gelegentlich mag ein philosophischer Film dazukommen.) Das wird von Schülerinnen und Schülern teils begrüßt, teils auch als anstrengend empfunden, zumal schriftliche Übungen, auch während des Unterrichts, mit diesem Fach verbunden sind.

Der Bildungsplan des Faches Philosophie folgt den vier grundlegenden Fragen Immanuel Kants: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Was ist der Mensch? Als Thematik haben wir im letzten Schuljahr im 11. Schuljahr „Ideologien" und den „Gesellschaftsvertrag", im 12. Schuljahr „Erkenntnistheorie", „Gottesbeweise" und „Anthropologie" behandelt. Das klingt zugegebener Weise ein wenig abstrakt und abgehoben. Aber wenn im Unterrichtsgespräch z.B. dann die Frage aufgeworfen wird, ob die moderne Technik, auch Kommunikationstechnik, eigentlich alles mit dem Menschen machen darf, was ihr möglich ist, und ob es Grenzen gibt und welche das wären und warum, dann spürt jeder von uns, auch der Lehrer, dass hier Fragen angesprochen werden, die mich selbst, jeden von uns, unmittelbar betreffen.

Philosophie „weiß" - etwa im Unterschied zu einer Ideologie - keine für immer und jeden geltenden Antworten, sie lebt vom Misstrauen gegen solche „Fertigpackungen", aber sie kann dazu beitragen, dass jeder und jede für sich eine Antwort findet und sie begründen kann. Unterrichtsmethodisch suchen wir durch einen Wechsel zwischen Textarbeit und freiem Gespräch Ermüdungserscheinungen aufzufangen. Die Kursteilnehmer sollen möglichst viel selbst tun, zu möglichst vielen Denkschritten und Zwischenergebnissen selbst gelangen. Gruppen- und Partnerarbeit dienen diesem Ziel.

Unsere Bibliothek bietet die Möglichkeit, sich selbst Einblick in philosophische Texte und Bücher zu verschaffen. Verschiedene Kurse haben davon, beraten durch ihre Lehrer, in den letzten Jahren Gebrauch gemacht. Philosophie passt nicht so recht zur „Spaßgesellschaft", sie vermittelt keinen kurzfristigen „Kick", sie ist mit Arbeit und Anstrengung verbunden, aber wer sich längerfristig auf sie einlässt, erfährt so etwas wie eine nachhaltige innere Freude - Freude daran, bei der Klärung bewegender Fragen wieder ein Stückchen vorangekommen zu sein. Museal oder langweilig ist Philosophie überhaupt nicht. Die Sprache ihrer Texte erschließt sich nicht so einfach wie die von „FOCUS", aber das ist andererseits auch ihr Reiz. Und noch eins: Immer wieder gelingt es, dass Schülerinnen und Schüler etwas, was sie in anderen Schulfächern gelernt haben, Fragestellungen, die dort aufgeworfen wurden, in den Philosophieunterricht einbringen. Es gibt vielleicht kein Unterrichtsfach, in dem der Lehrer so viel von seinen Schülern lernen kann. Und auch darum unterrichte ich gern Philosophie am WdG.

Uwe Schmidt