Geschichte
In dieser Fachvorstellung geht es um ein Schulfach, an dem sich in der Schülerschaft sicher die Geister scheiden, das Fach Geschichte. Es dürfte allen Schülern ab Klasse sechs gut bekannt sein, denn spätestens von dort an bis zur zehnten Klasse ist Geschichte ein Pflichtfach und somit ein ständiger Begleiter des Schulalltags. Zunächst werden in der sechsten Klasse die Steinzeit und Ägypter als Unterrichtsstoff durchgenommen, danach kommen die Römer, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit, und nach der Französischen Revolution in der achten Klasse kann bereits der Imperialismus, also die jüngere Geschichte, behandelt werden. Als letzte fest vorgeschriebene Themen kommen danach nur noch die beiden Weltkriege, alle weiterführenden Kurse nach Stufe zehn können sich weitere Geschichtsthemen, wie z.B. den Vietnamkrieg, im Rahmen des Lehrplans relativ frei auswählen.
Doch die eigentlichen Ziele des Geschichtsunterrichts liegen natürlich nicht nur darin zu wissen, wann der Erste Weltkrieg ausbrach oder warum die Bastille in Frankreich gestürmt wurde. Um die „wahren" Ziele herauszufinden, hilft zunächst ein Blick auf den Rahmenplan Geschichte für die gymnasiale Oberstufe weiter, der als Ziel des Geschichtsunterrichts erst einmal Geschichtsbewusstsein allgemein anstrebt, um sich dann auf die Punkte Gegenwartsverständnis, persönliche Orientierung und politische Handlungsfähigkeit, Fremdverstehen und Toleranz sowie Methodenkompetenz zu konkretisieren.
Vermutlich sind es zu einem großen Teil diese kryptisch anmutenden Begriffe, die Geschichte zur Nummer eins auf der Liste der Abwählfächer so mancher Schüler nach der zehnten Klasse machen. Und tatsächlich muss man oftmals zweimal lesen, um sich die Bedeutung hinter diesen Begriffen verständlich zu machen und dann nachvollziehen zu können, dass sie, sofern sie denn als Ziele erfüllt werden, Geschichte zu einem sehr wichtigen Fach machen. Denn schließlich stehen hinter obigen Begriffen sehr einleuchtende Hintergründe, wobei über allen Zielen des Geschichtsunterrichts in etwa folgender Satz steht: „Nur wenn man in der Gegenwart aus der Vergangenheit die richtigen Schlüsse zieht, kann man für die Zukunft vernünftige Entscheidungen treffen". Im Geschichtsunterricht wird also der Blick für historische Entwicklungen geschärft, die für das Verständnis der Gegenwart bzw. der Zukunft immens wichtig sind. Als Beispiel hierfür könnte man aktuelle politische Debatten (auch und in Deutschland gerade um Rechtsextreme wie im Landtag von Sachsen) anführen, in denen sich auf geschichtliche Argumente bezogen wird, und nur wenn besagter Blick für historische Entwicklungen geschärft ist, sind Schüler sensibilisiert genug und in der Lage, solche geschichtlichen Argumente zu verstehen. Geschichtsdarstellungen dienen außerdem auch immer gegenwärtigen Interessen und Bedürfnissen in unserer Gesellschaft.
Auf das Lied: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt", könnte man ebenfalls das Ziel ‚politische Handlungsfähigkeit' aus dem Lehrplan beziehen, wenn man bedenkt, dass unsere Gesellschaft nicht statisch ist, sondern bestimmt, verändert und neu geprägt wird von zeit- und kulturabhängigen Bedingungen, unter deren Gesetzmäßigkeit sich auch die Welt und die Gesellschaft formen und verändern.
Ebenfalls ein wenig hoch gestochen mag sich auf den ersten Blick die Feststellung anhören, dass der Geschichtsunterricht u. a. durch seine (vermutlich unbestrittene) Erklärungsfunktion historisches Bewusstsein schärft und damit einen Beitrag zur Identitätsfindung der Schüler leistet. Allerdings wird er verständlicher, wenn nachgeschoben wird, dass zur Identitätsfindung auch die Teilhabe am kulturellen Vermächtnis gehört, denn insbesondere Deutschland hat eine gewaltige Verantwortung seiner Geschichte gegenüber. U. a. deshalb wird im Geschichtsunterricht nie die gesamte Weltgeschichte in allen Epochen behandelt, sondern größtenteils ein auf einen Standort beschränkter Unterricht betrieben.
Diese Standortbeschränkung heißt natürlich nicht, dass es eine ebenso beschränkte Sichtweise gibt, im Gegenteil der Geschichtsunterricht soll gerade dazu animieren verschiedene Positionen zu beleuchten und so dem Schüler auch andere Kulturen nahe zu bringen, die einem vielleicht bislang nicht allzu bekannt sind. Auseinandersetzungen mit anderen Kulturen ermöglichen einem in der Regel Grundlagen dafür zu schaffen, Fremdes zu respektieren. Ebenso lassen sich so eher die Bedeutung unterschiedlicher Lebensformen oder auch nur Sinnbildungen erkennen.
Nachdem nun dem Leser hoffentlich die tiefer schürfenden Ziele des Geschichtsunterrichts deutlicher geworden sind, bliebe noch der Vorwurf vieler Schüler, Geschichte wäre ein staubtrockenes „Auswendiglernfach". Hierzu nahm Frau Reck, die Fachvertreterin Geschichte und nunmehr seit 27 Jahren Geschichtslehrerin, wovon sie 16 am WdG verbrachte, folgendermaßen Stellung: „Ich denke, Geschichte war mal, etwa vor zwei Generationen, so ein Fach. Natürlich gibt es auch hier Lernstoff, der die Grundlagen für das Fach bildet, aber heute wird in Geschichte viel mehr gedacht und diskutiert." Daher sprach sie sich auch dafür aus, Geschichte in der Oberstufe, wo es ja komplett abwählbar ist, wenigstens als Grundkurs zu wählen, der dann mit seinen zwei Wochenstunden im Abitur entweder mündlich oder schriftlich abprüfbar sein kann, im Gegensatz zu einem Leistungskurs, der fünf Wochenstunden veranschlagt und auf jeden Fall mit ins Abitur eingeht. Als Gründe führte sie u. a. oben genannte Ziele des Geschichtsunterrichts an. Außerdem sagte sie, Geschichte würde ihr persönlich auch deshalb sehr viel Spaß beim Unterrichten bereiten, da es sehr gestaltbar wäre, und es sehr viele schöne Materialien gäbe.
Frau Reck, die als Fachvertreterin Geschichte u. a. dafür zuständig ist, Material wie Bücher für den Geschichtsunterricht zu besorgen, sich Gedanken über die Umsetzung der Rahmenpläne zu machen und Referendare anzuleiten, einer Tätigkeit, der sie übrigens sehr gerne nachgeht, konnte allerdings auch ein paar Flecken auf der ansonsten „blütenweißen Geschichtsweste" entdecken. So ließe der neue Rahmenplan den Lehrern beispielsweise sehr viel weniger Raum zum freien Gestalten, die Auswahl wird begrenzt, da es mehr Themen gibt, die unbedingt als Stoff durchgenommen werden müssen. Beruhigend war in diesem Zusammenhang immerhin, dass es für Geschichte weder einen Termin zur Einführung noch das Zentralabitur selbst gibt.
Unter dem Strich blieb jedoch folgende Erkenntnis stehen, die ich selber nur bestätigen kann: Das Fach Geschichte ist nicht nur wegen der Werte, die es vermittelt, wichtig. Wer sich darauf einlässt, kann im Unterricht sehr viel Positives erleben!
Ole Schley
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